Meine Mutter kam aus Vouvry oder Lac de Taney im Valais (Nähe zum brennenden Montana) und lernte nie richtig Deutsch – schon gar nicht Züritüütsch.
Und so sagte sie MIKO statt Migros oder «Jez wili di dan» - wenn sie meinte, sie wolle uns dann etwas beklagen - zu recht übrigens.
Ihr bester Spruch: «Schmetternde eur das ir flüg weis nöd woi» - Ich schmettere Euch, dass ihr fliegt, ich weiss nicht wohin. Wir waren ein wilder Haufen und ziemlich dumm.
Es war die beste Mutter aller Zeiten und sie krampfte sich zu Tode, um uns alle über Wasser zu halten.
Es gäbe 1000 tolle und erstaunliche Episoden, aber ich will eine ganz normale hier bringen:
Mit «Pärli» waren rote essbare Beeren am Eingang in eine Privatvilla bei Zollikon gemeint.
Vom Kreuzplatz führt über 10 Kilometer die Zollikerstrasse eben nach Zollikon.
In warmen Herbsttagen kam immer der Moment, wo die Mutter sagte: «Heut gehnwr zu den Pärli.»
Und dann ging es los zu Fuss über zwei Stunden in Richtung «Pärli».
Da war mein älterer Bruder, den die Leute von mir nicht unterscheiden konnten und er wird dereinst mit 19 Jahren als Matrose an Krebs sterben.
Dann ich - der zukünftige beste Accountant der Welt.
Und der kleine Bruder, sagen wir er sei damals etwa 8 Jahre alt gewesen und später ein HIFI Spezialist um die 30 - bis er Konkurs produzierte.
Wir schwatzten den ganzen Weg und jeder wusste etwas Besseres als der andere. Es wurde viel gelacht, und damals fuhren nur wenige Autos an uns vorbei und natürlich wurde die Strasse und Autos immer vornehmer - an Villen vorbei.
Bei der Privatvilla bei einem Roundabout mit Seesicht schlugen wir uns den Bauch voll mit den süssen roten Beeren, die eigentlich nur wild existierten und nie in den Verkauf kamen.
Man freute sich auf den Heimweg mit unserer sehr kleinen Mutter, die wir schon bald überragen sollten um 30 Zentimeter - und wir bewunderten sie bis ins hohe Alter, als wir alle schon unsere tollen Häuser und Autos besassen und jeder auf eine interessante Karriere zurückblicken konnten.
Eine Mutter zum Lachen und Weinen.
Der Vater – hochintelligent - wäre durchaus auch eine solche Geschichte wert, etwa wie ich Sonntag um Sonntag mit ihm auf der Vespa sass und wir zusammen die Schweiz bewunderten. Ein Hoch auf meinen Vater, der wirklich erst am Schluss im Alter noch viel Lebensglück erfahren durfte.
Nun, die Literaten mit ihren Scheisshirnen schreiben natürlich besser, aber was soll mich dies kümmern – geistesschwache Idioten?
René Delavy – Züri bei night
Jan. 2026
EINKLANG
"Schmetternde euer dass ihr flüg"
Bevor wir zu wirklich ernsthaften Themen kommen, die noch genug Nerven brauchen werden, erzähle ich einmal aus der Schule, aus der Schule des Lebens sozusagen: der Kindheit und Jugendzeit. Und das geht so:
"Schmetternde euer dass ihr flüg weiss nöd woi", dies war ein Standardsatz meiner Mutter. Sie sagte ihn noch unter Aufbietung letzter Energien, als wir Söhne sie, die nur 140 cm "gross" war, um drei Köpfe überragten. Dieser Kampfruf, in urkomischem Slang, einer Vermischung aus Französisch aus dem Unterwallis am Genfersee und dem später angelernten Züri-Deutsch, vorgebracht, ist übersetzenswert: "Ich schmettere euch, dass ihr fliegt, ich weiss nicht wohin". Also, man muss sich vorstellen, dass diese Androhung eine ungeheure Wirkung entfalten sollte, wie denn - frage ich, soll sich eine kleine Mutter gegen ihre wild gewordene Bande sonst durchsetzen können?
Als wir sehr klein waren, die drei Schnudderbuben im Quartier um den Kreuzplatz in Zürich, da wirkte der Spruch manchmal noch. Doch später, als wir den Widerspruch zwischen der Bedeutung der Worte und dem Erscheinungsbild der Mutter und ihrer urkomischen Sprache verstanden, artete die Szenerie immer in ein grosses Gelächter aus, wobei sich "D' Mamme" (Mutter, Mami, maman, etc.) am meisten über ihre kuriosen Sprachschöpfungen amüsierte.
Einmal vor Weihnachten unterstützte sie den Drohruf durch die Fabrikation einer Fitze, das heisst, einer Rute. Sie sammelte also mehrere dürre Stecklein und band sie zusammen mit einer Schnur. Sie wartete auf die Gelegenheit zur Strafe. Diese kam schnell und so stürmte sie in die gute Stube und rief: "Schmetternde euer ..." und holte zum Schlag aus. Da zerfiel die Rute in tausend Teile allein vom Windzug des Ausholens, und wir Knaben brüllten vor Lachen und hielten uns die Bäuche. Doch am meisten lachte meine Mutter, wir mussten uns ihrer annehmen, damit sie sich wieder erholen konnte. Später musste nur einer sagen: "Fitze", und schon brüllten alle los.
Sie hatte es nicht leicht, ging für reiche Leute im Quartier putzen, für wenige Franken und kuschte freiwillig vor jeder Zumutung. Diese Hochachtung vor reichen oder mächtigen Leuten blieb ihr (und mir) ein Leben lang erhalten und so verwahrte sie sich immer, als strenggläubige Katholikin, wenn ich zu meinen Tiraden auf das Papsttum anhob: "Er ist schon gut, der Pappe. Lass ihn in Frieden, er ist schon gut..." Mehr an Begründung zu ihrer Verehrung vor dem Stellvertreter Gottes war da nicht zu bekommen.
Sie versuchte immer, uns Buben zweisprachig aufzuziehen, und das ging so: "René, laisse Marcel jouer avec la balle et ne pousse pas les filles ..." (René, lass Marcel mit dem Ball spielen und stosse die Mädchen nicht beim Spielen.) Darauf er: "Was hast du schon wieder? Marcel will den Ball gar nicht - und wo siehst du denn Mädchen ..." Es war hoffnungslos; auf jede französische Frage eine allemannische Antwort. Wir waren ihr über und schliesslich fluchte sie nur noch auf "Züri-franglais" oder so. Eine herrliche Mutter, möge doch jeder so gute Erinnerungen an die Eltern haben. Auch der Vater, ein behäbiger, wohlbeleibter Eisenhändler, kann nur auf gute Erinnerungen zählen, vor allem, was die späten Altersjahre betrifft. In unserer Jugendzeit war er beinahe nie zu Hause. Ein Leben lang stellte er seine hohe Intelligenz unter den Scheffel und nie wollte er eine geistige Kerze anzünden.
Auch sonst wurde das Quartierleben zu jener Zeit, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, von unserer Jugendbande stark erschüttert. Bei der St. Antonius-Kirche war eine Art Nonnenschule eingerichtet. Und so kamen wir bei einem unseren Treffs im Artergut auf die Idee, die Frauen vor dem Eindunkeln zu erschrecken. Also erstellten wir ein fürchterliches Gespenst aus weissem Leinen, das wir mit Seilen über die Äste eines Baumes vor der Klosterschule hochziehen würden.
Als die Sache stieg, befestigten wir unser Gespenst leise über den Ästen und begannen, vor dem Haus schreiend und fluchend umherzurennen. Wir wussten, dieses Sakrileg würden die Nonnen nicht goutieren. Doch was nun kam, steckt heute noch in meinen Knochen: Die Nonnen kamen in ungeheurem Tempo angerannt, unsere Kumpane zogen in der Düsternis des Eindunkelns der Nacht das Gespenst hoch, um die Damen aufzuhalten und zur Rückkehr ins Haus zu zwingen. Doch die Horde wildgewordener Nonnen krachte förmlich auf uns zu, wir versuchten verzweifelt zu fliehen, einige konnten den Hag gerade noch überklettern, andere wurden am Wickel gepackt und klassisch versohlt. Und das Gespenst? Eine Oberin - eingebettet in ihrer fundamentalen Gottgeborgenheit - ging seelenruhig auf das Furchterregende zu, packte es, riss es vom Baum, wickelte es um den Arm und verschwand im Haus, während sich ihr Fussvolk noch balgte.
Wir waren alle dermassen von Panik durchdrungen, dass wir wie rasend durch das Quartier stürmten, ohne zurückzublicken, immer im Glauben, irgendeine Nonne wäre uns noch dicht auf den Fersen. Erst später kamen wir grüppchenweise im Artergut an und leckten unsere Wunden. Dann wurde Kriegsrat gehalten: Die Besonneneren rieten, jetzt sofort nach Hause zu gehen und nicht "dergleichen" zu tun. Andere befürchteten, dass wir jetzt für unser fürchterliches Gebaren bestraft würden und mit einem Geschenk zurück an den Ort des Geschehens gehen müssten oder noch besser: Die Untat gleich der Polizei melden ... Die Besonnenen konnten schliesslich das Geschehene wieder auf eine relative Basis bringen, will heissen, wir gingen nach Hause, erzählten unsere Leben lang nichts von dieser Pleite ... bis auf den heutigen Tag, wie man sieht.
Die besten Anekdoten schreibt ohnehin das Leben selbst: Als mein Bruder René die Sekundarschule besuchte, fragte ihn der Lehrer im Fremdsprachenunterricht: "Wie wird "Hemd" auf französisch übersetzt?" Die Antwort reflexartig, voller Begeisterung: "Das Hemd, c'est: La cheminée". Grosses Gelächter der Klasse und trockene Replik des Lehrers: "Ja, bei dir sieht es häufig so aus..."
Weniger lustig ist die Tatsache, dass ein Gymischüler (er besuchte also das Gymnasium) aus der Hand lesen konnte: Eines Tages beschaute er die Hand von René und schwieg lange. Schliesslich bequemte er sich, einige Banalitäten von sich zu geben. Doch mir sagte er einige Tage später: "Pass auf deinen Bruder auf, er wird nicht lange leben ..." René verstarb mit 19 Jahren an einem krebsartigen Sarkom. Soweit die Klammer meiner Erinnerungen. Doch vergessen wir die Traurigkeit, in der Erinnerung verklärt sich die Gegenwart.
"LINIEN ZUM HIMMEL ZIEHEN"
