Denken über das Sein

Gedanken während der Fahrt

 

Mergozzo mit Rita, zuerst per Auto bis Gravellona Toce, dann per Rad am Fluss Toce entlang und über die Radwege am Lago Mergozzo.

Eine Pizzeria empfängt uns freundlich - Sicht auf See - etwas Valpolicella und eben - Quatro Staggione.

Wolken kommen tiefschwarz von Westen her und blähen sich auf - und dann - Sturzbäche. Weil es immer schwärzer wird, überrede ich Rita zum Aufbruch.

Kaum auf dem Rad, schlagen zwei Blitze direkt neben uns ein.

Der Radweg am See entlang wäre lieblich bei Sonnenschein - jetzt ist es die reine Hölle.

Im Trommelfeuer des Regens überkommen mich bei der Fahrt nicht nur Zweifel, sondern kurioserweise auch existentielle Fragen.

Wie war mein Leben? Machte es Sinn? Was mache ich hier im Piemont? Im Alter des Lebens ehrenvoll etwas zum Abschluss bringen?

Hinter mir müht sich Rita mit dem glitschigen Terrain ab. Ein Glücksfall diese Frau mit ihrem Rustico über dem Lago d'Orta.

Das Leben zu zweit mit Hund und Katz könnte nicht besser sein. Zuvor das Berufsleben war nicht immer reiner Sonnenschein - vor allem Rita hatte es nicht leicht mit ihren stupiden Vorgesetzten.

Inzwischen hat der Regen nachgelassen und man ahnt, dass bald die Sonne durchbrechen könnte.

Die fundamentale Frage nach dem Sinn des Lebens auf einem immer mehr kaputtgehenden Planeten in einem Galaxie-System der Unendlichkeit und der Ewigkeit, scheint immer absurder.

Das Beste aus dem Alltag machen, kurz vor dem Tod?

Und was war das Leben für uns und Milliarden von Anderen, auch von Tieren, für die Natur, das flache Sein mit Hoffnungen ohne Sinn, Tätigkeiten der Selbstvernichtung, dem Streben nach einem Ende des Humanen in Schrecken - und von keiner Sau wahrgenommen - wie es ist.

Das Auto kommt in Sicht, wir verladen die Räder.

Noch ein Bier in einer Beiz im Kaff?

Nein, zuhause auf der Terrasse mit dem Hund Alexis zur Seite haben wir es mit einer Platte mit Käse und Speck viel gemütlicher.

Die wilde Landschaft in unserer Wildnis ist wie üblich ein Abenteuer für sich.

Erinnerungen an die Côte d'Azur und vergleichbare Abenteuer im Süden - Portugal - Andalusien - Turin - Elsass - Carcassonne - Valençay - Budapest - Prag - Rügen - Montavon im Winter zum Skifahren - St. Moritz - Poschiavo - Venedig - Triest - Istrien.....

Die "Welt" ist doch schön? - Unheimlich.

René Delavy - March 2025

 

 

Wenn Reisen nutzlos sind


Reisen eines Lebens

Heute las ich von den Begründern der Bibeln um Lonely Planet. Irgendwie öde, einer Massenbevölkerung von Billigreisenden beizubringen, wie man den Planeten am raschesten vernichten kann.

Ich war mir zu jeder Sekunde meines Lebens bewusst, dass ich auf dem einzigen Planeten im Weltall lebte, der von Menschen bewohnt ist und eigentlich ein Paradies sein könnte. Ebenso waren mir immer bewusst:

- Dass ich in einer Sekunde der Ewigkeit der Zeit mein Leben hatte

- Dass ich in der Unendlichkeit des Raumes ersaufe und nicht weiss, wo ich bin

- Dass sich die Erde um die Achse zu Tag und Nacht dreht und in 365 Tagen mit Jahreszeiten um die Sonne

- Dass wir eigentlich ein Paradies haben auf der Erde, das vernichtet wird in nur 100 Jahren

- Dass die Menschen - alle - unglaublich blöde sind und nicht denken können, selbst wenn sie wollten

- Dass die Umherreiserei ein Wahnsinn ist, ohne jeden inneren Wert, ohne Ethik, ohne Bewusstsein

- Dass es nicht schade ist, wenn diese Drecks-Menschheit endlich verreckt bis zum Jahr 2099



Nun denn, eigentlich verstärkte sich dieser Eindruck von Jahr zu Jahr mehr, sodass die Reisen meiner Tage bis etwa zum 50. Altersjahr eigentlich etwas zu verklärt waren.

Ich zeige nun, wo ich war im Leben:

Für längere Zeit:

- Zürich, Schümberg bei Elgg, La Chaux-de-Fonds, Genève, Bournemouth, Pfäffikon SZ und Wollerau und später dann Roquebrune bei Monaco und am Ortasee im Piemont.

Längere und wichtige Reisen waren:

- England im Süden, Côte d'Azur, Hongkong, Singapore, Thailand, Sri Lanka, Portugal, Andalusien, Venedig und Toskana, Rovinj, Philippinen, Normandie, Paris, Dänemark, München, die gesamte Schweiz, vor allem für Skifahren und Radfahren in allen Gebieten, das Tessin, das Wallis wo meine Mutter herkommt, Süddeutschland, Rügen, Arcachon, Küste Kroatiens bei Split, Budapest, Prag, Donaufahrten mit dem Rad, Mallorca zum Baden und mit dem Rad, alle Küsten Italiens inklusive San Remo.

Und wo ich nie war:

 - Afrika, USA, Südamerika, Australien, Russland, nie höher als Dänemark, nie östlicher als Korfu (abgesehen vom Fernen Osten), nie südlicher als Algarve oder Siena, nie westlicher als Cornwall.

Also kein Vergleich mit Wheeler von Lonely Planet. Aber ich mache jede Wette, dass ich viel mehr erlebte als dieser Kerl, weil es auf das Hirn ankommt.


Dieser Wheeler ist eigentlich dasselbe wie alle seine Idioten, die er vertritt. Er will der Erste sein, der ein neues Land, Strand, Stadt, Kaff oder Wüste entdeckt und dann schreibt er darüber und dann ist der Ort kaputt. Er ist eben ein Arschloch.

Ich hingegen könnte von jedem Ort der oben erwähnt wurde, ein Buch von 3000 Seiten schreiben, ohne irgendwelche Probleme. Denn neben den Orten und den Leuten, den Beizen und den Hotels ist da eben etwas, was 99 Prozent der Menschen nicht einmal erahnen könnten:

Es geht um Philosophie, Lebensgefühl auf höchster Abstraktionsebene, die gesamte Verunsicherung bei Reisen, nicht wegen der Sicherheit, sondern wegen der Vergänglichkeit.

Nur ein Beispiel:

In Hongkong war ich mehrfach um einen sehr reichen Schweizerkonzern zu prüfen. Wir waren untergebracht im Ocean Center und am Wochenende wurden wir mit Schnellbooten auf einsame Inseln gebracht, zwecks Wein, Grilladen und Zeitvertreib. Eine Hure zu bekommen war beinahe unmöglich, und wenn sie kam ins Zimmer des Hotels, war sie nach 5 Minuten wieder draussen,  was für ein Kontrast zu Thailand, wo man sich durch eine Armada von jungen Mädchen vögelte während Wochen.

So, und obschon ich in Hongkong die Schokoladenseite im Peninsula Hotel, dem damals teuersten Hotel der Welt, geniessen konnte, blieben mir meine langen Fussmärsche durch diese Stadt - und da sah ich, was kein anderer Mensch je sah - die Zukunft einer toten Stadt der Masse, genau so wie in Manila, Singapore, London, Paris, Bangkok, Genua, Mailand und viele andere - und mir war glasklar bewusst, was es heisst für Einheimische, in dieser Stadt zu leben. Das Gehetze, die Balkone von Hongkong als zweite Wohnstube, die Unterdrückung der Armut und der Verzweiflung jener, die jederzeit ins Elend stürzen könnten, dann die Herren mit den Ferrari und Rolls Royce, die ein Hirn aus Stahl haben und total verblödet sind vom Geld.

Man muss sehen, nicht reisen. Man muss denken, nicht herumfurzen wie blöde und dann glauben, man hätte was erlebt. Mit dem Taxidriver hatte ich in Sri Lanka mehr philosophische Gespräche im Auto und bei meinen Einladungen am Abend ins Restaurant, als mit irgendeinem Freund in meiner Heimat. Und er war auch intelligenter als alle meine Freunde, obschon er lebte in einem Häuschen und mir stolz die einzige Elektrobirne zeigte, die in einem kahlen Raum von der Decke hing.

In Mallorca entdeckte ich, dass dieser Reiseholocaust im Westen tatsächlich einsame Küsten besitzt, die an Schönheit unübertrefflich sind und von oben sah mein einige riesigen Villen in den Urwäldern dieser Küste. Das war damals. Heute - da bin ich überzeugt - ist es auch hier die reine Scheisse.

Nie habe ich mich unsicherer gefühlt in der Welt, als mit einer Hure in London, als ihr Freund mich in immer wildere Slums entführte und ich echte Todesangst ausstand. Dass am Schluss eine wunderbare Vögelei mit Kuchen und Tee in einem windigen und unfertigen Neubau winken würde, konnte ich mir erst vorstellen, als der wilde Kerl seine Raserei vor eben diesem Gebäude beendet hatte. Ich gab beiden ein riesiges Trinkgeld am Schluss - und heute denke ich, obschon es 30 Jahre zurückliegt, ebenso an diese Menschen, wie an die auf jung gemachte alte Hure in Singapore, die mir gestand, dass sie sich nächstens vom höchsten Wolkenkratzer der Stadt stürzen würde, das sei das Ende jeder Hure in dieser kapitalistischen Stadt, wenn sie keine Idioten wie mich mehr fänden, die ihr Alter nicht einschätzen könnten.

Man sieht also, wo der Unterschied liegt im Erleben von Reisen und von Fremdheit und von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft: Es liegt allein am Betrachter und dessen Fähigkeiten, die Welt auch wirklich wahrnehmen zu können.

Und man sieht auch, dass wo ich immer beginnen würde, ob in Granada oder in Carcassonne, eine endlose Geschichte von höchstem Wert resultieren könnte, nur weiss ich nicht wo beginnen - und zudem finden sich in den 10000 Seiten an Literatur, die ich bisher schrieb, beinahe zu allen Stationen meines Lebens feine Geschichten, nur eben eingepackt in Kapiteln zu Sex, Frauen, Philosophie, Kultur, Geopolitik, Religionen, Wissenschaft, Wirtschaft des Grauens, irgendwie habe ich alles gespeichert an Äusserlichkeiten, die in meinem Leben passiert sind.

Und meine 10 Bücher enthalten nicht nur das Äussere des Geschehens, sondern viel wichtiger noch, das Innere, die gesamte Philosophie des Seins - und dies war nur möglich, durch Ortsveränderung.

Und der Mangel, die USA oder Afrika nicht bereist zu haben?

Hier muss ich in aller Klarheit sagen: Wer alle Dokumentation gesehen hat am TV, die Radiosendungen gehört, die Illustrierten geblättert, die feine Literatur gelesen, weiss mehr OHNE Besuch der Städten Las Vegas und New York, als alle Idioten, die effektiv dort gewesen sind.

Es ist einfach so: Wer nicht denkt, der reist nicht - und selbst wenn er sämtliche 200 Staaten der Welt zu Fuss abgekarrt wäre.

Leben ist Denken  - und wer nicht denkt - ist ganz einfach nur tot.